Wer die hochtechnisierten Hallen zum Arbeiten betritt, muss vorher autorisiert sein und Schulungen durchlaufen. Die Sicherheitsvorkehrungen im Werk sind immens, nicht nur aufgrund der hohen Qualitätsstandards und des Automatisierungsgrads mit selbstfahrenden Staplern und Lagersystemen. Das gesamte Lager- und Logistikzentrum ist ein sogenannter Luftsicherheitsbereich, denn von hier werden Waren für die ganze Welt kommissioniert und unter anderem per Luftfracht verschickt.
Die vier Kollegen aus den Harz-Weser-Werken wurden hierher über das „Jobwerk“ vermittelt, mit dem Ziel, Inklusion in regionalen Betrieben weiter voranzutreiben und Menschen mit Beeinträchtigung auf dem allgemeinen Arbeitsmarkt zu etablieren.
Katrin hat einen ruhigen Arbeitsplatz mit Ausblick inmitten des ganzen Logistik-Trubels. Sie ist seit Januar 2025 Teil des Teams. Kommunikativ sorgt sie für einen guten Zusammenhalt zwischen den Kollegen und hat sich auch in die bestehenden Strukturen der Ottobock-Mitarbeiter gut eingefügt. Bei Ottobock übernimmt sie Aufgaben im Wareneingangsbereich, sichtet und kontrolliert Wareneingänge und bereitet sie für die Einlagerung im Hochlager vor.
Katrin wohnt im wenige Kilometer entfernten Rüdershausen. Durch die schlechte Anbindung kleiner Orte mit dem öffentlichen Nahverkehr ist es ihr nicht ohne weiteres möglich, ihren Arbeitsplatz bei Ottobock zu erreichen. Als individuelle Lösung hat sie von den Harz-Weser-Werken einen E-Scooter zur Verfügung gestellt bekommen. Mit diesem kann sie Teile der Strecke eigenständig zurücklegen und so ihre Teilzeitstelle antreten.
Anita ist bereits seit 3 Jahren auf einem ausgelagerten Arbeitsplatz im Lager beschäftigt. Ihre Hauptaufgabe besteht darin, Sonder- und Kleinaufträge zu sortieren, zu etikettieren und zu verpacken. Durch ihre lange Zugehörigkeit hat sie einen guten Überblick über die Abläufe und unterstützt die Kollegen bei Eilaufträgen. Da Anita in Duderstadt wohnt, entfällt für sie der lange Weg nach Osterode in die Werkstatt.
Andreas aus Duderstadt ist ebenso wie Anita seit 3 Jahren bei Ottobock und die „Feuerwehr“, wenn irgendwo Not am Mann ist. Über die Jahre hat er sich schon in verschiedene Arbeitsbereiche eingearbeitet und erledigt seine Aufgaben ruhig und souverän. Das abwechslungsreiche und verantwortungsvolle Arbeitsfeld trägt dazu bei, dass er immer noch mit Begeisterung zur Arbeit kommt.
Tobias hat im Stahllager seine Berufung gefunden. Hier hat er die optimale Kombination von Aufgaben an Maschinen aus dem Metallbereich und Lagertätigkeiten für sich entdeckt. Gekonnt arbeitet er mit den Metallrohlingen, die in verschiedenen Formaten für die hauseigene Produktion gebraucht werden. Er schneidet das Material zu, arbeitet an der Stahlbandsäge, spült Späne ab und verpackt alles fachgerecht. Das Team in diesem spezialisierten Bereich ist sehr klein. Mit dabei ist immer Johannes, Angestellter bei Ottobock und Tobias‘ direkter Ansprechpartner. Er freut sich über Tobias zuverlässige Arbeit.
Andreas und Tobias, Anita und Katrin sind auch als Team zusammen unterwegs. Gemeinsam frühstücken sie ab und zu oder besuchen die hauseigene Kantine zum Mittagessen. „Auch das Essen ist hier besser“, sagt Tobias, der sich eine Rückkehr in die Werkstatt gar nicht mehr vorstellen kann.
Unterstützt werden die vier Beschäftigten von Jobcoach Daniela Simon, die nicht nur für reine Arbeits- sondern auch private Themen der Beschäftigten ein offenes Ohr hat und sich regelmäßig Zeit für Gespräche und organisatorische Anliegen nimmt. Hierzu zählen die Koordination von Fahrtwegen, Arbeitszeiten und Urlauben, aber auch Gespräch in schwierigen Arbeits- und Lebenssituationen. Ein weiterer wesentlicher Bestandteil der Arbeit ist es, den Betrieb dabei zu unterstützen, Strukturen und Abläufe so zu gestalten, dass die Beschäftigten ihre Arbeitsleistung bestmöglich einbringen können. Durch die regelmäßige und dauerhafte Betreuung und die gute Zusammenarbeit mit den zuständigen Mitarbeitern der Firma Ottobock gelingt Inklusion im Betrieb. Das Ziel der nächsten Jahre ist es, ausgelagerte Arbeitsplätze in sozialversicherungspflichtige Beschäftigungsverhältnisse zu überführen. Hierfür hat sich das Fördermittel Budget für Arbeit bewährt.
Unternehmensintern betreut Kamil-Marek Chobian die vier Mitarbeiter. Trotz seiner komplexen Aufgabe als Teamleiter in der Intralogistik schaut er regelmäßig vorbei, muss aber in der Regel nur bei besonders hohem Arbeitsaufkommen nachsteuern: „Bei Stress kümmere ich mich um die Priorisierung der Aufträge und strukturiere die Reihenfolge“ erklärt er, ist aber von seinen Harz-Weser-Kollegen absolut begeistert: „Generell arbeiten alle mit einer hohen Genauigkeit und Zuverlässigkeit und wissen meist ganz von selbst, was zu tun ist. Die Zusammenarbeit mit den Harz-Weser-Werken ist für uns als Team und Unternehmen eine Bereicherung.“ Mehrfach ist beim Fototermin zu hören: „Die Vier geben wir nicht wieder her!“ Auch Carsten Leinemann, der als Abteilungsleiter des Logistikzentrums die Kooperation vorantreibt, zeigt sich sehr zufrieden: „Gerne würden wir die Zusammenarbeit mit dem Jobwerk weiter ausbauen.“
Mindestens ein bis zwei Plätze würde er gern noch mit Beschäftigten der Harz-Weser-Werke besetzen, natürlich je nach Fähigkeiten und Interesse. Sowohl am sogenannten „I-Punkt“, einer Schnittstelle zwischen Lager und Fertigung, bei der selbständige Aufträge verteilt werden und mit dem Stapler auf die richtige Abteilung gebracht werden müssen, als auch im Bereich ATO-Bereich wären noch Arbeitsplätze frei. Der letztere Bereich, ein outgesourcter Arbeitsplatz aus der Fertigung, baut kleine Sonderaufträge und stellt zusätzlich Ersatzteile für Prothesenfüße zusammen. Ca. 20 Füße werden hier am Tag gebaut, mehrere Kollegen können sich gegenseitig vertreten und wechseln sich ab.
Daniela Simon hofft, dass es durch das aktuell neu geplante Wohnangebot der Harz-Weser-Werke in Duderstadt leichter wird, diese Stellen zu besetzen. „Hier sind natürlich Beschäftigte gefragt, die sowohl selbständig arbeiten als auch zur Arbeit kommen können“, erklärt sie. „Die größte Hürde für Menschen mit Behinderung ist die schlechte Infrastruktur in unserem ländlichen Gebiet. Das führt dazu, dass unsere Beschäftigten oft lange Fußwege und umständliche Verbindungen in Kauf nehmen müssen, um zur Arbeit zu kommen und Betriebe ihre Arbeitszeiten an diese Bedingungen anpassen.“ Bei der Organisation unterstützt Daniela Simon als Jobcoach. „Am Ende müssen jedoch Fahrtwege und Arbeit in einem Verhältnis stehen.“
Ottobock ist trotz bestehendem Schichtsystem flexibel, ebenso bei krankheitsbedingten Ausfällen oder persönlichen Anliegen der Beschäftigten. Es geht doch gut zusammen – der durchgetaktete Weltkonzern mit hohen Anforderungen an Mitarbeiter und Maschinen - und die Inklusion.



